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Home Sonderthemen Hannover Stadt Nord Heiligabend liegt Heu unter der Tischdecke
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10:25 02.01.2020
Adrian Grandt pflegt in der Weihnachtszeit polnische Bräuche. FOTO: STEPHANIE ZERM

Für Adrian Grandt gibt es kaum etwas Schöneres, als mit seiner Familie polnische Weihnachten zu feiern. Der Direktor des Seniorenheims Victor’s Residenz in Laatzen stammt aus Cosel in Oberschlesien und lebt in Deutschland, seit er 13 Jahre alt ist. Bereits in Schlesien hatte seine Familie, obwohl sie deutsch ist, die polnischen Weihnachtstraditionen übernommen. „Weil sie so schön sind“, sagt Grandt. Daher halten er und seine Angehörigen nach wie vor daran fest, auch wenn nun alle in Deutschland leben.

„Der Weihnachtsbaum wird erst am Heiligabend aufgestellt und geschmückt“, erzählt Grandt. „Anschließend decken alle gemeinsam den Tisch.“ Dafür wird immer eine weiße Tischdecke verwendet, unter der etwas Heu liegt. „Das soll an die Geburt von Jesus in einem Stall erinnern.“

Dabei wird an der gedeckten Tafel immer ein Platz frei gelassen. „Dieser ist für die Verstorbenen – und für den Fall, dass ein Bedürftiger an die Tür klopft.“ Mit dieser Tradition solle an Maria und Josef gedacht werden, die an Weihnachten einen Unterschlupf suchten, aber nirgends hereingelassen wurden.

„Heiligabend wird den ganzen Tag über gefastet“, berichtet Grandt. Bis zum opulenten Weihnachtsessen – gegessen werden darf allerdings erst, wenn der erste Stern am Himmel zu sehen ist, meist gegen 17 Uhr. „Vor dem Essen verteilen wir an alle Familienmitglieder Weihnachtsoblaten, sehr dünne Gebäckscheiben, auf denen Jesus, Maria und Engel abgebildet sind. Dann bricht man voneinander ein Stück der Oblate ab und isst es gemeinsam“, sagt Grandt. Dies symbolisiere das gemeinsame Brechen des Brotes. „Es ist ein Zeichen der Liebe, der Freundschaft und des Friedens.“ Es sei Tradition, an Freunde und Verwandte, die nicht am gemeinsamen Festessen teilnehmen, in der Vorweihnachtszeit Oblaten zu verschicken.

„Ich habe dieses Jahr rund 30 Stück versendet“, sagt der Hannoveraner. Nach dem Verteilen der Oblaten lese der Vater Gebete und die Weihnachtsgeschichte vor. „Dafür hat die katholische Kirche in Polen sogar extra Kärtchen mit dem Text vorbereitet.“

Schließlich beginnt das Festessen, das aus insgesamt zwölf Speisen besteht, die alle kein Fleisch enthalten. „Die zwölf Gerichte sollen die zwölf Monate des Jahres symbolisieren und die zwölf Apostel ehren“, erklärt Grandt. Die Zusammenstellung des Menüs sei unterschiedlich. „Bei uns gibt es unter anderem Rote-Bete-Suppe, Karpfen und Rollmops, Bohnensuppe mit Möhren, gefüllte Eier, panierte Champignons, Räucherfisch und zum Nachtisch eine Süßspeise aus Mohn.“

Während des Essens und der anschließenden Bescherung werde viel gesungen. „Das Repertoire der polnischen Weihnacht umfasst mehr als 450 Lieder, Choräle und Kantaten, die ältesten stammen aus dem 15. Jahrhundert“, erläutert Grandt. Viele davon werden auch in der Hirtenmesse angestimmt, die die katholische Familie traditionell abends um 22 oder 24 Uhr besucht.

Seine Begeisterung für das polnische Weihnachtsfest wollte Grandt mit anderen teilen und zugleich Gutes tun: Daher hat er vor fünf Jahren den Verein Officium gegründet, der seitdem in jedem Dezember in Hannover eine Benefizveranstaltung zum Thema „Polnische Weihnachten“ ausrichtet. Der Erlös kommt dem Hospiz Palium in Posen und dem Aegidius-Haus Hannover zugute. Stephanie Zerm


Die Räumlichkeiten an der Hindenburgstraße in Wunstorf bieten sich Heiligabend für die Familienfeier von Dong Quoc-Tran, seinen vier Töchtern und deren Freunden an. FOTO: CAROLA FABER
Die Räumlichkeiten an der Hindenburgstraße in Wunstorf bieten sich Heiligabend für die Familienfeier von Dong Quoc-Tran, seinen vier Töchtern und deren Freunden an. FOTO: CAROLA FABER

Wenn Dong Quoc-Tran Weihnachten feiert, unterscheiden sich die Speisen auf dem festlich gedeckten Tisch ein wenig von denen der meisten anderen Wunstorfer Familien. Es gibt Reissuppe, Frühlingsrolle, Hähnchen und Currys – aber eben auch Gänsekeule und Rehgulasch mit Rotkraut. Je nach Jahreszeit bereitet der Vietnamese ab und zu sogar Grünkohl zu. „Ich liebe Grünkohl und auch Schlachteplatte“, sagt Dong Quoc-Tran, der vor 40 Jahren nach Deutschland gekommen ist, und schmunzelt.

Als Zwölfjähriger floh er aus seiner Heimat. Zusammen mit zehn anderen Waisenkindern landete er in der Hildesheimer Diakonie, wurde später von einer Adoptivfamilie aufgenommen und begann sehr bald mit einer Kochausbildung. „Die anderen zehn Flüchtlinge haben fast alle Karriere gemacht. Einige tragen jetzt sogar einen Doktortitel. Ich wollte aber möglichst schnell Geld verdienen, um meine Familie und Geschwister in Südvietnam zu unterstützen“, berichtet Dong Quoc-Tran, der sich noch gut an die einsamen Zeiten in seiner Kindheit erinnern kann.


"Eltern kaufen für ihre Kinder neue Kleidung und schenken ihnen kleine bunte Glückstüten mit etwas Geld. Danach beginnt das Festessen."


Deutschland kannte er bis zu seiner Ankunft nur durch die Fußball-Weltmeisterschaft von 1974. Rummenigge, Beckenbauer – das seien auch in Vietnam bekannte Spieler gewesen. Dass es ihm gelungen ist, sich zu integrieren, habe daran gelegen, dass er die Sprache schnell gelernt hat und sich mit anderen Kindern zum Spielen verabredete. „Wer beüberleben will, muss klug sein, lernen, Ziele entwickeln und natürlich hart arbeiten“, erklärt der Vietnamese seine Philosophie und fährt fort: „Ich bin in Deutschland christlich erzogen worden und kein streng gläubiger Buddhist. Der kleine Altar, der im Gedächtnis an meine verstorbenen Eltern täglich bestückt wird, soll meine Familie an die Tradition erinnern. Diese soll nicht verloren gehen“, sagt der heute 52-Jährige.

Für die Buddhisten ist das Neujahrsfest der bedeutendste Feiertag im Jahr. Das Datum variiert, denn es richtet sich nach dem Mondkalender. Im kommenden Jahr wird das Fest am 25. Januar gefeiert. „Eltern kaufen für ihre Kinder neue Kleidung und schenken ihnen kleine bunte Glückstüten mit etwas Geld. Danach beginnt das Festessen“, berichtet Dong Quoc-Tran.

Für ihn gehört zu einem typischen vietnamesischen Festessen ein ganzes Hähnchen, das von Spanferkelfleisch und Wurststückchen eingerahmt ist, sowie frisches Obst. Als Dessert empfiehlt er mit frischem Ingwer gekochte schwarze Bohnen, die mit braunem Zucker, Honig sowie gerösteten Erdnüssen und Sesam bestreut werden. Wer mag, kann die Süßspeise mit Kokosmilch verfeinern. „Ob in Vietnam oder in Deutschland, bei unseren Festessen werden immer alle Speisen auf einer großen Tafel angerichtet“, sagt der Koch.

Wenn seine vier erwachsenen Töchter an Heiligabend nach Wunstorf kommen, bringen sie ihre Ehemänner und Freunde sowie ihre kleinen Kinder mit. „Dann geht es hier sehr fröhlich zu. Ich verkleide mich als Weihnachtsmann und verteile die Geschenke. Anschließend wird das Büfett eröffnet“, sagt der stolze Familienvater. Er freue sich sehr auf die Stunden im Kreise seiner Familie. Diese Zeit sei kostbar und rar. Denn schon am ersten Weihnachtsfeiertag sind die Türen seines Restaurants Mui Ne – Original Süd-Vietnamesisch an der Hindenburgstraße in Wunstorf wieder geöffnet. Dann beginnt die Arbeit für ihn, während andere noch feiern. Carola Faber
 

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