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Home Sonderthemen Komplett Ausbildung, Integration und erfahrene Fachkräfte helfen dem Mittelstand
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07:58 10.06.2019
iStockphoto.com/industryview
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Über Fachkräftemangel klagen hierzulande Unternehmen jeglicher Art und Größe – vom Dreimannbetrieb bis hin zum börsennotierten Global Player. Insbesondere der Mittelstand blickt besorgt in die Zukunft. Dabei gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten, Berufsnachwuchs zu akquirieren, wie Prof. Dr. Günter Hirth, Abteilungsleiter Berufsbildung bei der Industrie- und Handelskammer Hannover, im Interview erörtert.

Herr Prof. Dr. Hirth, wie kann dem Fachkräftemangel entgegengesteuert werden? Wie lautet Ihre Einschätzung zum Fachkräfteeinwanderungsgesetz?

Das Gesetz ist auf jeden Fall ein hilfreiches Thema, denn es ist längst überfällig. Viele Menschen, die als Flüchtlinge oder Asylsuchende zu uns gekommen sind, sind eigentlich Arbeitseinwanderer. Dies ist im Bereich Fachkräftemangel allerdings nicht das bedeutendste Thema. Hier ist insbesondere das Heben der Reserven zu nennen. Das bedeutet, wir haben in Deutschland im internationalen Vergleich noch immer eine deutlich unterdurchschnittliche Frauenerwerbsquote. Dabei haben wir eine Vielzahl qualifizierter Frauen, die jedoch aus verschiedenen Gründen wie zum Beispiel dem lange Zeit mangelnden Betreuungsangebot für Kinder nicht zum Zuge kamen. Da haben wir allerdings aufgeholt und sind auf einem guten Weg.

Ihr Augenmerk gilt jedoch nicht ausschließlich der Reserve?

Nein, das zweite Thema ist die Nachqualifizierung bislang anders Qualifizierter. Jeder Siebte hat hierzulande keine abgeschlossene Ausbildung. An dem Punkt liegt viel Potenzial brach. Insbesondere der Mittelstand hat ein berechtigtes Interesse daran, diese Menschen in Ausbildung zu bekommen und nachzuqualifizieren. Dort ist die IHK Hannover sehr engagiert, beispielsweise über sogenannte Teilqualifikationen Berufsausübende häppchenweise nachzuschulen – und zwar parallel zur Tätigkeit im Betrieb. Ein ungelernter Helfer beispielsweise kann durch das Erlernen von Ausbildungsbausteinen, die jeweils nur wenige Monate brauchen, einen Berufsabschluss nachholen und somit innerhalb des Betriebes als vollwertige Fachkraft eingesetzt werden.

Wie können Betriebe Schulabgänger für sich gewinnen?

Die Studienberechtigungsquote steigt seit Jahren an, doch die Jugendlichen haben nach meiner Einschätzung kein Informationsproblem, sondern ein Orientierungsproblem. Hierbei treffen zwei wesentliche Einflussfaktoren aufeinander: die eigene Peergroup der Jugendlichen, die noch keinen Einblick in die Berufswelt hat, und das eigene Elternhaus inklusive der Verwandtschaft. Diese allerdings haben noch das Ausbildungsbild von vor 30 bis 40 Jahren vor Augen und wissen häufig nicht, dass man heute mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung ohne weitere Hürden ein Studium absolvieren kann. Die Ausbildung ist demnach ein guter Start ins Berufsleben, um sich anschließend noch weiterzuentwickeln.
   

John + Bamberg

Welche Rolle nimmt dabei die IHK Hannover wahr?

Die Arbeitswelt ist vielen Abiturienten abgesehen von einem zweiwöchigen Schulpraktikum zumeist völlig unbekannt. Die Ausbildungsoffensive der IHK schickt Ausbildungsbotschafter, zum Teil mit dualem Studium, mit jeweils drei unterschiedlichen Berufen auch in die Gymnasien und lässt diese aus ihrer Lebenswelt erzählen. Das Wissen darum, dass man heutzutage als Jugendlicher mit einer Berufsausbildung einen guten Start hat, wird dabei ebenso vermittelt wie der ungefilterte Einblick ins Berufsleben. Gerade für den Mittelstand ist das ein ganz wichtiges Thema, denn viele Schulabgänger bewerben sich bevorzugt bei den großen Unternehmen, dabei sind Bezahlung und Aufstiegsmöglichkeiten auch im Mittelstand attraktiv.
  

Prof. Dr. Günter Hirth
Prof. Dr. Günter Hirth

Können Sie die IHK-Ausbildungsoffensive „Ihr gewinnt“ mit Zahlen untermauern?

Die IHK-Ausbildungsoffensive ist ein ziemlich großes Thema. Wir haben über 900 Auszubildende des zweiten Ausbildungsjahres – von rund 10 000 insgesamt – geschult, die in die Schulen gehen. Dort erreichen wir von den etwa 27 000 Schulabgängern in unserem Bezirk jedes Jahr circa 18 000. Das ist ein freiwilliges Angebot der IHK, doch es wird von zwei Dritteln der Schulen und Schüler gern angenommen.

Kann der Mittelstand den Nachwuchsmangel durch ältere Fachkräfte auffangen?

Das ist schon längst der Fall. Die Erwerbsquote der über 60- Jährigen steigt seit einigen Jahren mehr als erwartet an. Ich habe den Eindruck, dass in sehr großen Unternehmen noch immer geschaut wird, Mitarbeiter mit Ende 50 vorzeitig in den Ruhestand zu verabschieden. Im Mittelstand ist das nach meinem Eindruck anders. Dort weiß man die Erfahrung der Fachkräfte länger zu nutzen.

Gibt es denn auch Patenschaften beispielsweise für Berufseinsteiger und Flüchtlinge?

Unsere Ausbildungsoffensive hat Mentoren, die noch im Berufsleben aktiv sind oder dieses gerade beendet haben, jedoch gerne weiter aktiv bleiben möchten. Diese Mentoren unterstützen Schüler bei Bewerbungsschreiben und bei der Vorbereitung auf Bewerbungsgespräche. Die IHK Hannover verfügt derzeit über 200 Mentoren, die sich hier engagieren.

Wie groß ist die Einbindung von Flüchtlingen und wie sieht es mit der Anerkennung von Abschlüssen aus?

Wir haben hier im Augenblick eine Quote von etwa 3 Prozent der neu eingetragenen Ausbildungsverhältnisse. Das schließt unsere Lücke der Demografie. Zudem sind die Zahlen stark steigend, da die Flüchtlinge jetzt nach drei, vier Jahren in der Sprache, Orientierung und Motivation so weit sind, eine Ausbildung zu beginnen. Drei Viertel der Flüchtlinge sind in einem Alter, um noch eine Berufsausbildung beginnen zu können beziehungsweise sich beruflich zu qualifizieren. Unsere IHK-Anerkennungsstelle für im Ausland erworbene Qualifikationen hat in den vergangenen fünf Jahren knapp 2500 positive Bescheide zur Gleichwertigkeit ausgestellt.

Wo herrscht der größte Personalmangel?

In unserem Bereich suchen Hotellerie und Gastronomie und viele Dienstleistungsbetriebe händeringend qualifiziertes Personal, in den MINT-Berufen wirkt inzwischen die Information, dass diese Zukunft haben. Diese Ausbildungsberufe führen zu gut bezahlten Jobs der „Industrie 4.0“. Junge Leute entscheiden sich dafür, wenn Perspektive und Bezahlung stimmen.

Sehen Sie in der Digitalisierung mehr Chancen oder Hemmnisse?

Die jungen Leute sind dafür sehr offen. Die Metall- und Elektroberufe sind dahingehend inzwischen novelliert, da gibt es bereits eine „Grundbesohlung“ und Zusatzqualifikationen. In den kommenden Jahren schreitet die Entwicklung der Berufsbilder sehr schnell voran. Doch insbesondere aufseiten der Akzeptanz sehe ich da überhaupt keine Hindernisse.

Die Erstanlaufstelle zur Anerkennungsberatung der IHK Hannover hat von September 2011 bis Januar 2019 insgesamt 8670 Fälle beurteilt. Mit 51,5 Prozent wurden in der Mehrzahl Hochschulabschlüsse positiv beschieden, gefolgt von IHK-Berufen (26,6) und sonstigen Berufsabschlüssen (12,8). Frauen waren dabei mit 54,5 Prozent gegenüber Männern (45,5) leicht in der Mehrheit. Nach Herkunftsländern unterteilt liegt Syrien mit 1413 anerkannten Berufsabschlüssen vor Polen (1053), Russland (730), der Ukraine (484) und Iran (482). In den Berufsgruppen der IHK-Berufe liegt die Anerkennungsquote bei kaufmännischen Berufen (27,7) knapp vor der Elektrotechnik mit 24,2 Prozent, sonstigen Berufsgruppen (17,7) und der Metalltechnik (13,3).

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